Wider das Vergessen des Unvorstellbaren

29. Januar 2011  |  hds

Vortrag: Die pädagogische Leiterin der KZ-Gedenkstätte Osthofen, Ramona Dehoff, referiert in Bad König

BAD KÖNIG. 

Gebannte Aufmerksamkeit: Die Referentin Ramona Dehoff (rechts) sprach in Bad König über das Konzentrationslager Osthofen. Dabei waren auch (von links) Harald Staier (Odenwald gegen Rechts) und Bad Königs Bürgermeister Uwe Veith. Foto: Hans-Dieter Schmidt

„Nur“ von März 1933 bis Juli 1934 war es in Betrieb, nach heutigem Kenntnisstand ist niemand darin umgekommen, und mit den späteren Lagern beispielsweise in Auschwitz oder Buchenwald war es noch keineswegs vergleichbar. Die Rede ist von dem in einer ehemaligen Papierfabrik eingerichteten Konzentrationslager Osthofen nahe Worms. Schon in der frühen NS-Zeit hatten die Nazis das Lager geschaffen, um möglichst viele andersdenkende Bürger einzuschüchtern und mundtot zu machen. Der Einzugsbereich des Lagers erstreckte sich auf das damalige Volkshessen, heute etwa umfassend Rheinhessen und die Region Starkenburg. In einem beeindruckenden Vortrag stellte Ramona Dehoff (Worms) die Geschichte des Lagers vor. Die junge Frau ist pädagogische Leiterin der Gedenkstätte KZ Osthofen und Geschäftsführerin dessen Fördervereins. Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages hatte die Organisation „Odenwald gegen Rechts“ die Veranstaltung organisiert. Mit Aufklärung und Information wolle man dagegen ankämpfen, dass sich die Geschichte wiederhole, sagte Harald Staier vom Vorstand der Organisation.Die Geschichte: Als Lagerleiter war der Nationalsozialist und promovierte Jurist Werner Best eingesetzt, SS-Mann Karl D'Angelo als Lagerkommandant, der sich offenbar aber nie an den rüden Strafaktionen seiner Lagerwachen selbst beteiligte. Lieber nutzte er Dienste der Insassen für seine persönliche Bereicherung. Eine „Karriere“ in späteren Vernichtungslagern blieb ihm verwehrt, weil ihn selbst seine Nazikollegen in einem vorliegenden Dokument als „butterweich“ beschrieben. Dehoff schilderte etliche Beispiele, nannte Namen und Wohnorte der Personen, insbesondere aber auch die Gründe für die Lagerhaft. Die Statistik belegt, dass es sich bei den Verhafteten zu etwa zwei Dritteln um damalige KPD-Angehörige handelte, viele gehörten der SPD an, Mitglieder kleinerer linker Gruppen, der Gewerkschaften und auch Juden stellten die restlichen Insassen. Etwa 2700 Männer saßen dort ein, die durchschnittliche Dauer betrug sechs bis acht Wochen, zeitweise waren dort bis zu 450 Personen gleichzeitig. Nach derzeitigem Kenntnisstand kamen aus dem Kreis Erbach dreizehn Prozent der Insassen. Diese Zahl könnte aber steigen, da noch nicht alle vorliegenden Dokumente ausgewertet sind. Dazu gehörte auch Adolf Haas, KPD-Mitglied und Jude. Die Verhaftung und Lagereinweisung erfolgte aus nichtigstem Anlass, wegen Äußerungen oder Verhaltensweisen, die den Nazis missfielen. Für einen Vierzehnjährigen reichte schon, dass er bei einer Veranstaltung ein Lied nicht mitsang und die rechte Hand nicht zum Hitlergruß erhob. Solche „Subjekte“ mussten umerzogen werden. Die großflächige Einschüchterung gelang offensichtlich, zumal die Einlieferung in Lkw oder Fußgruppen sehr öffentlichkeitswirksam inszeniert wurde - begleitet auch von der damaligen Presse. Schon bald aber wurde das Lager stillgelegt. Für Frauen war eine Einrichtung in Mainz zuständig. Die Haftbedingungen und die Strafmaßnahmen der Wachen schilderte Dehoff als absolut unmenschlich. Da kamen durchaus widerwärtigste Details zur Sprache.Die Wandlung des ehemaligen KZ zur Gedenkstätte gestaltete sich schwieriger als dessen Einrichtung. Letztere stieß auf keinen nennenswerten Widerstand, die Gedenkstätte aber sehr wohl. Nach dem Krieg wurden die Gebäude als Möbelfabrik genutzt, nach deren Schließung zeitweise als Lagerhalle. Anschließend war das Gelände samt Gebäude dem Verfall preisgegeben, bis eine Gruppe von 40 ehemaligen Häftlingen sich für den Erhalt stark machten - zunächst sehr zum Unwillen der Bürger, der regionalen Politik und des Eigentümers. Verschleierung war angesagt, man befürchtete Diskriminierung und negatives Image für die Kommune. Erstmals befürwortet wurde die Unterschutzstellung des Areals vom damaligen rheinland-pfälzischen Kultusminister Georg Gölter im Jahr 1984. Bis zur Umsetzung dauerte es dann weitere fünf Jahre. Heute ist die Gedenkstätte in der Bevölkerung akzeptiert, wird seitens der Stadt gefördert, und viele Bürger unterstützen deren Aktivitäten. Besonders freut man sich über Schulklassen, für die es eigene Arbeitsangebote gibt, denn die Arbeit mit jungen Leuten steht im Mittelpunkt des Interesses.