Eine Begegnung, die aufwühlt und versöhnt

Odenwälder Echo 9.4.2014

Zeitgeschichte – Die Erinnerungen der Nachfahren ermordeter Juden finden großes Interesse in der Bürgerschaft

 

Beim Begegnungsabend im Gymnasium begrüßt Michael Rohr die Gäste und insbesondere die aus Argentinien, Israel, Südafrika und den USA angereisten Nachfahren einstiger jüdischer Bürger Michelstadts. Das Podium bilden an diesem Abend (von links) Organisator Heinz-Otto Haag sowie die Gäste Lothar Wassum, Joan Smith und Matilde Speyer de Epstein.  Foto: Manfred Giebenhain
Beim Begegnungsabend im Gymnasium begrüßt Michael Rohr die Gäste und insbesondere die aus Argentinien, Israel, Südafrika und den USA angereisten Nachfahren einstiger jüdischer Bürger Michelstadts. Das Podium bilden an diesem Abend (von links) Organisator Heinz-Otto Haag sowie die Gäste Lothar Wassum, Joan Smith und Matilde Speyer de Epstein.  Foto: Manfred Giebenhain  
Das Michelstadt, wie es in der Zeit der NS-Herrschaft war, wird wieder präsent, weil Nachfahren der damaligen jüdischen Einwohner aus Argentinien, Israel, Südafrika und den USA zu Gast sind. Am vierten Tag ihres Aufenthalts teilten sie Erinnerungen und Wünsche mit den Bürgern von heute.
MICHELSTADT.

Anfangs reichten die Stühle nicht aus, um das Interesse am Begegnungsabend zu befriedigen, zu dem die Stolperstein-Initiative für Montag in die Aula des Michelstädter Gymnasiums eingeladen hatte. Für Heinz-Otto und Heidi Haag, die – wie berichtet – das siebentägige Besuchsprogramm der Nachfahren früherer jüdischer Einwohner aus Argentinien, Israel, Südafrika und den USA organisiert und mit Unterstützung vieler Helfer umgesetzt haben, war dieser Abend eine besondere Herausforderung.

Geduld war gefragt und Nachsicht, wenn es mit der Übersetzung mal etwas stockte. Die mehr als 120 Besucher störte es nicht, die gewählten Worte zusätzlich in englischer und spanischer Sprache zu hören. Im Gegenteil: Warmherzige Worte der Versöhnung und die Freude darüber, diesen Moment erleben zu dürfen, erfuhren dank der Übersetzung in die englische und spanische Sprache eine gesteigerte Wirkung.

So wie bei Matilde Speyer de Epstein, die mit der Fassung rang während der Erzählung, die der heute 93 Jahre alte Großvater ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Es ist die Schilderung, wie die Mutter mit drei und der Vater mit sechs Jahren mit den Großeltern über die holländische Grenze mit Ziel Paraguay flohen, um ihr Leben in Michelstadt mit einem in unbekannter Ferne einzutauschen. „Für mich endet heute eine Geschichte“, spannte Matilde Speyer de Epstein den Bogen zur Familie des Hugo Speyer, die einst an der Erbacher Straße 17 zu Hause war.

Für die gastgebende Bildungsstätte hatte Michael Rohr nicht zu viel versprochen mit seiner Einleitung, dass „Begegnungen mehr als jeder Unterricht Menschen bewegen und verändern können“. Im Laufe des Abends wurde wiederholt deutlich, wie der Rassenwahn der Nationalsozialisten alle Teile des gesellschaftlichen Lebens mit seiner todbringenden Ideologie vergiftet hatte.

Lothar Wassum, der an der Kellereibergstraße 1 groß geworden ist, erzählte unter Tränen von der Gier einer Nachbarin, die sich erst zufriedengab, also sie den Garten der Mutter zugesprochen bekam. Die Familie lebte seit 1933 in steter Angst davor, was als Nächstes passieren würde: Sie galten als Halbjuden, weil die seinerzeit bereits konvertierte Mutter als Jüdin geboren worden war.

Die Erinnerung hat sich in Wassums Gedächtnis eingebrannt, als sei es gestern gewesen. 1943 hatte sein Bruder ihm am Mainzer Bahnhof die Nachricht überbracht: „Wir werden die Mutter nie mehr wiedersehen.“ Für ihn ging es „mit viel Glück und ohne Pass“ weiter. Nach einer Verhaftung durch die SS in Frankfurt konnte er sich absetzen und nach Michelstadt entkommen. Seine Geschichte endete unter Tränen mit den Worten „Jetzt bin ich endlich frei.“ Es war der Gründonnerstag 1945, als amerikanische Panzer in die Stadt einrollten.

Mit auf dem Podium saß Joan Smith, Urenkelin von Theodor Strauss, einem in der jüdischen Gemeinde wie in der Stadtpolitik angesehenen Bürger von Michelstadt. „Über Nacht wurden aus Freunde Fremde“, leitete die Besucherin aus Johannesburg die Erzählung über das Schicksal der in Michelstadt weitverzweigten Verwandtschaft ein. Ein Teil rettete sich nach Südafrika, andere kamen in Auschwitz um.

„Mein jetzt 93 Jahre alter Großvater wartet begierig darauf, von meiner Reise berichtet zu bekommen“, leitete Smith ihre unter Beifall vorgetragene Danksagung an die Gastgeber ein. Zu deren Unterstützung trugen Werner König, Hartmut Liermann, Jochen und Marcela Löb sowie Gabriele Sost mit Übersetzungen bei.

Das umfangreiche Besuchsprogramm wurde ferner vom Evangelischen Dekanat Odenwald und sieben weiteren Gästebetreuern unterstützt. Dass selbst eine Bildungsstätte wie das Gymnasium während der Zeit des Faschismus Schuld auf sich geladen hat, bestätigten gleich mehrere Beiträge. Denen zufolge fiel der damalige Schulleiter als ausgeprägter Antisemit auf, der großen Gefallen daran gehabt haben soll, jüdische Schüler zu denunzieren.