Zeitzeugen berichten: Für Wahrheit ist kein Schmerz zu groß

Echo-online 11.05.2015

Die letzten überlebenden Opfer des nationalsozialistischen Terrors erzählen, so lange sie irgendwie können

Gegen das Vergessen stellen diese Überlebenden des Nazi-Terrors die Schilderung ihrer Erfahrungen. Erzählt haben sie nun auf Einladung mehrerer antifaschistischer Organisationen des Odenwaldkreis.
Sie waren in Gettos zusammengepfercht, haben in Nazi-Konzentrationslagern die Hölle erlebt, überlebten Todesmärsche. Heute hakten sie bei aller Schmerzhaftigkeit dieser Erinnerungen das Gedenken an ihr Leid wach, um unermüdlich gegen das Vergessen und das vergiftete Gedankengut der rechten Szene anzuerzählen.
HÖCHST.

Im Vorfeld des 70. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation von Hitler-Deutschland haben erneut Zeitzeugen aus Polen auf Einladung der Initiative „Odenwald gegen Rechts“, des DGB-Kreisverbandes, der DGB-Jugend und von Pax Christi in enger Zusammenarbeit mit dem Maximilian-Kolbe-Werk im Kloster Höchst Station gemacht.

Unter dem Titel „Fragt uns, wir sind die Letzten“ wollten die Betroffenen vor allem jungen Menschen ihre Erlebnisse aus der Zeit des nationalsozialistischen Terrors schildern. Als Beispiele für die Not auf der einen und das Verbrechen auf der anderen Seite stehen Biografien wie jene der 87 Jahre alte Brygida Czekanowska, die ihre Motivation so auf den Punkt brachte: „Wir müssen dies alles unseren Kindern und Enkelkindern erzählen, damit das, was wir erlebt haben nie wieder passiert.“ Die 1928 in Danzig geborene Polin lebte bis zum Warschauer Aufstand 1944 bei Freunden im Untergrund.

Als der Aufstand begann, wurden alle Einwohner aus den Häusern in ein Übergangslager getrieben und traten in Viehwaggons eine Reise ins Ungewisse an. Nach zwei Tagen erreichte der Transport das KZ Buchenwald. Nachdem dort kein Platz mehr vorhanden war, ging es weiter nach Bergen-Belsen. Dieses Lager war ebenfalls überfüllt. Die Menschen wurden erneut in Viehwaggons getrieben und strandeten schließlich im KZ Ravensbrück.

Brygida Czekanowska: „Mein Glück war, dass ich Deutsch konnte. Ich kam in den Rüstungsbetrieb Kleinlinden in Klein-Machnow bei Berlin. Wir mussten zwölf Stunden arbeiten und hatten zwölf Stunden frei – in einer Unterkunft unter der Werkshalle“. Anfang April 1945 wurden die Frauen ins KZ Sachsenhausen evakuiert und von dort auf den Todesmarsch geschickt. Am 9. Mai 1945 wurde die Zeitzeugin im Müritz-Gebiet von amerikanischen Truppen befreit. Sie studierte später Medizin und arbeitete als Ärztin.

Ohne Prozess nach Buchenwald

Wladyslaw Kozdon, Jahrgang 1922, wurde in Oberschlesien geboren, wo Deutsche und Polen harmonisch zusammenlebten. 1939 wurde er als Siebzehnjähriger zusammen mit seinem Vater verhaftet und ohne Prozess und Urteil nach Buchenwald deportiert. Kozdon: „Ich habe im KZ nur überlebt, weil ich nicht zu der schweren Bergwerksarbeit abkommandiert wurde“. Er bekam eine Stelle an einer „Polenschule“, wo er Deutsch lernte und als Maurer arbeitete.

Später gab er sich als Frisör aus, um nicht auf die Listen der Todestransporte zu kommen. Viele Jahre konnte er nicht über seine traumatischen Erlebnisse sprechen. Verarbeitet hat diese Jahrzehnte später in seinem Buch „Ich kann Dich nicht vergessen,“ Die gebürtige Polin Henriette Kretz, Jahrgang 1934, floh 1940 mit ihren Eltern vor den heranrückenden deutschen Truppen in das vermeintlich sichere damals ostpolnische Lemberg. Im Sommer 1941 marschierten die Deutschen auch dort ein. Die Familie kam ins Getto, kaufte sich mit viel Geld wieder frei und versteckte sich einen ganzen Winter in einem stockfinsteren Kohlenkeller. Henriette Kretz: „Schließlich haben uns die Deutschen doch gefunden und meine Eltern vor meinen Augen erschossen“. Henriette konnte entkommen und fand Zuflucht bei einer Nonne, die ihr in verschiedenen Verstecken das Überleben ermöglichte. Nach dem wurde die Frau Lehrerin für Französisch und Kunst in Antwerpen. Sie hat ihre Erlebnisse ebenfalls in einem Buch niedergeschrieben.

Barbara Kruczkowska wurde 1940 in Czeladz geboren. Als Dreijährige wurde sie im Rahmen der „Aktion Oderberg“ zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter verhaftet und im Untersuchungslager Myslowice interniert. Zusammen mit ihrem Bruder durchlief sie verschiedene „Polenlager“ und war von 1944 bis zur Befreiung im Lager Potulice inhaftiert.

Nach dem Ende der Lagerhaft erfuhren die Kinder, dass ihre Mutter in Auschwitz ermordet worden war. Barbara Kruczkowska begann 1958 in der Stadtverwaltung Czeladz zu arbeiten, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr Schwiegervater ist in Auschwitz, dessen Bruder in Mauthausen ums Leben gekommen.

Geschichte einer „Germanisierung“

Die Geschichte der Kindheit von Alodia Witaszek-Napierala, Jahrgang 1938, macht deutlich, wie das menschenverachtende NS-Regime auch das Leben unzähliger Kinder dramatisch veränderte. Deren Vater, ein angesehener Arzt und Wissenschaftler an der Posener Universität, wurde als Angehöriger der Widerstandsbewegung im Januar 1943 verhaftet, zum Tod verurteilt und hingerichtet. Wenige tage danach wurde die Mutter abgeholt und ins KZ Auschwitz deportiert, die Kinder im so genannten „Rasseamt“ auf ihre Tauglichkeit zur „Germanisierung“ untersucht. Alodia und ihre Schwester wurden in das berüchtigte „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“ im heutigen Lodz gebracht und kamen dort in die Baracke für „rassenützliche Kinder“. Von dort ging es weiter in das „Gaukinderheim“ in Kalisch. Ziel dieser Anstalt: die totale „Verdeutschung“ der polnischen Kinder. Erinnerungen sollten ausgelöscht und Glauben gemacht werden, die Kinder seien Deutsche, deren Eltern im Krieg umgekommen sind. Die nächste Station war das „Lebensborn-Heim“ in Bad Polzin, wo die Kinder deutschen Familien direkt übergeben wurden. Im April 1944 wurde Alodia von ihrer neuen „Mutti“ abgeholt und nach Stendal gebracht, wo die neue Familie wohnte.

Mit der Adoption durch die neuen Eltern bekam Aodia den Namen Alice Louise Dahl. Alodias leibliche Mutter überlebte Auschwitz und Ravensbrück und kehrte im Mai 1945 nach Posen zurück. Dort erfuhr sie von der Ermordung ihres Mannes und der Verschleppung ihrer Kinder. Mit Hilfe polnischer und internationaler Organisationen suchte sie zwei Jahre nach den Kindern und bekam 1947 Nachricht über deren Aufenthaltsorte. Erst zu diesem Zeitpunkt hatte die Adoptivmutter in Deutschland erfahren, dass ihre Tochter ein gestohlenes polnisches Kind ist.

Alodia kehrte am 7. November 1947 nach Polen zurück, ihre Schwester Daria, die bis dahin in Wien gelebt hatte, einen Monat später. Unterm Strich hat die Menschlichkeit über das Unmenschliche triumphiert: Die polnische und die deutsche Mutter sind Freundinnen geworden und Jahre später hatten Alodias Kinder eine deutsche und eine polnische Oma.