Eine Dokumentation des Grauens

OE 25.01.2016

Von Manfred Giebenhain

AUSSTELLUNG Bündnis „Odenwald gegen Rechts“ erinnert im

Landratsamt an „Todesopfer menschlicher Gewalt“

ERBACH - Die Schicksale von 189 Todesopfern rassistischer Gewalt in Deutschland dokumentiert eine Ausstellung des Bündnisses „Odenwald gegen Rechts“, die noch bis März im Erbacher Landratsamt zu sehen ist. Sie ergänzt die Präsentation „Legalisierter Raub“ in Michelstadt.

Die noch bis Ende Februar im Michelstädter Odenwaldmuseum laufende Ausstellung „Legalisierter Raub“ des Fritz-Bauer-Instituts rückt menschenverachtende Gräueltaten aus der Zeit des Nationalsozialismus in den Blickpunkt. Zum Begleitprogramm zählt eine Dokumentation des Bündnisses „Odenwald gegen Rechts“, die der Todesopfer rassistisch motivierter Gewalt in der Gegenwart gewidmet ist. Ort der Ausstellung ist das Landratsamt in Erbach.

  • FÜHRUNGEN JEWEILS DONNERSTAGS GEPLANT

(mg). Die Ausstellung trägt den Titel „Todesopfer menschenfeindlicher Gewalt seit 1990“ und ist im Erbacher Landratsamt zu den Publikumszeiten bis einschließlich Freitag, 11. März, zu sehen. Die Organisatoren vom Bündnis „Odenwald gegen Rechts“ bieten jeden Donnerstag von 14 bis 17.30 Uhr Führungen an. Besonders Gruppen wie Schulklassen werden gebeten, sich vorab an Bündnis-Sprecherin Irmhild Rittmeyer zu wenden (Telefon 06061-969911, E-Mail: rittip@gmx.de). Im Landratsamt steht Ute Naas vom Kulturmanagement des Odenwaldkreises (06062-70217, E-Mail: u.naas@odenwaldkreis.de) zur Verfügung. Die Öffnungszeiten der Kreisverwaltung sind montags, dienstags, donnerstags und freitags von 8 bis 12 sowie donnerstags von 14 bis 17.30 Uhr. Das Bündnis bietet den Städten und Gemeinden an, die Ausstellung auch in den Rathäusern zu zeigen.

Die Fakten, auf die das Aktionsbündnis bei seinen Recherchen gestoßen ist und für die Ausstellung ausgewertet hat, sind schwer auszuhalten. Bei der Eröffnung im Landratsamt versagte Melanie Schimpf manchmal die Stimme, als sie den rund 30 Besuchern exemplarisch Einzelschicksale schilderte, die alle eines gemeinsam haben: Die Menschen wurden Opfer rassistisch motivierter Gewalttaten und -exzesse. Den Tränen nahe, bat die junge Frau darum, sich auf die Texte einzulassen, „um zu verstehen, was diesen Menschen in unserem Land passiert ist“.

Bei den meisten der 189 erfassten Todesopfer handelt es sich um Menschen fremder Herkunft, dunkler Hautfarbe oder mit anderen Merkmalen, die sie bereits rein äußerlich zur Zielscheibe menschenverachtender Angriffe werden ließ. Die Erfassung beginnt mit dem Jahr 1990, als der 40 Jahre alte Mahmud Azhar, ein pakistanischer Doktorand, in Berlin mit einem Feuerlöscher erschlagen wurde. Aber auch Polizisten zählen zu den Opfern, so die drei 34 beziehungsweise 35 Jahre alten Beamten, die der Neonazi Michael Berger im Jahr 2000 erschossen hat. Die Aufzählung endet mit dem 23. Oktober 2014, als ein unbekannter Mann aus Ruanda in Limburg ermordet wurde.

Auf 16 Plakaten werden die Mordopfer und der Hergang beschrieben. Warum auf Fotos verzichtet wurde, erläuterte Bündnis-Sprecherin Irmhild Rittmeyer dem ECHO. Die Gründe sind naheliegend: Dazu zählen die Rücksichtnahme auf die Identität der Opfer, ungeklärte Bildrechte und die Erfahrung, dass ein vollständiges Besorgen von Aufnahmen nicht möglich gewesen wäre.

Probleme zeichneten sich bereits bei der Definition ab, gab Melanie Schimpf zu verstehen. Was unter „politisch motivierter Kriminalität“ zu verstehen und erfasst wird, habe sich wiederholt geändert. Eine offizielle beziehungsweise lückenlose Erfassung werde es deswegen wohl nie geben. Aber mit der Erweiterung des Begriffs habe beispielsweise Brandenburg 35 Fälle neu bewertet. Mit 30 Opfern führt das ostdeutsche Bundesland die Statistik an; gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 26. In Hessen wurde acht Todesopfer gezählt. Rund vier Monate lang haben die Recherchen in Anspruch genommen, fügte Irmhild Rittmeyer hinzu. Mitglieder des Aktionsbündnisses haben in der Freizeit auch die Texte ausgearbeitet und die Plakate gestaltet.

Matiaske spannt Bogen zur Aktualität

Es sind aber nicht die Zahlen alleine, sondern der erschreckende Gewöhnungseffekt, sagte Landrat Frank Matiaske und spannte den Bogen zur aktuellen Nachrichtenlage: „Fast schon wie selbstverständlich wird über Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte berichtet.“ Die Täter, zumeist „ideologisch verblendete“ junge Männer, seien sich dessen nicht bewusst, dass sie „auch ihr eigenes Leben damit verpfuschen“. Die Serien-Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), deren gerichtliche Aufarbeitung sich hinzieht, stünden für die Spitze des Eisbergs.

Harald Staier vom DGB-Kreisverband rief alle Demokraten dazu auf, geschlossener und entschiedener gegen Hetze und Gewalt von Rechts vorzugehen. Die Bandbreite der Gefahren reiche „vom akzeptierten Vorurteil bis zur organisierten Gewalttat“.

In seinem kurzen Rückblick auf die Gründung des Aktionsbündnisses vor zehn Jahren brachte er die damalige Häufung von NPD-Kundgebungen in vielen Orten des Landkreises in Erinnerung. Das Bündnis habe sich deswegen zum Ziel gesetzt, besonders in Schulen und Jugendverbänden aufzuklären, um Anzeichen und Anwerbemethoden rechts gerichteter Gesinnungstäter zu entlarven.

Zur Eröffnung begleitete Marcel Janßen, Stipendiat der Musikschule Odenwald, mit klassischen und Klezmer-Klängen auf seiner Violine.