„Habe keinen Hass mehr – das ist mein Sieg“

Echo – online 27.06.2016  

FRIEDENSARBEIT Polnische Zeitzeugen berichten vor Schulklassen und auch öffentlich im Kloster Höchst

HÖCHST - (red). Es war der 75. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, als sechs polnische Zeitzeugen im Kloster Höchst über ihr Schicksal während der deutschen Besatzungszeit berichteten. Täglich tun sie das vor Schulklassen. Sie verstehen die Gespräche als Mahnung zu Frieden und Versöhnung. Solch schlimme Erfahrungen möchten sie der jungen Generation ersparen.

Ins Kloster Höchst hatte das Bistum Mainz zu einer öffentlichen Veranstaltung mit den sechs Zeitzeugen eingeladen. Veranstalter waren der DGB-Kreisverband, Odenwald gegen Rechts, das Evangelische Dekanat Odenwald, das Bistum Mainz und die katholische Friedensbewegung Pax Christi.

Henriette Kretz, damals ein jüdisches Kind von sechs Jahren, erlebte im damals polnischen Galizien (heute West-Ukraine) den Einmarsch der deutschen Truppen. Es begann eine furchtbare Odyssee, die zwei Jahre später mit dem Tod ihrer Eltern und ihrem knappen Überleben in einem katholischen Waisenhaus endete.

Bogdan Chrzeciaski (71) aus Warschau wurde am 7. Januar 1945 in Auschwitz-Birkenau geboren. Er überlebte dank der Hilfe mehrerer Mütter, deren Kinder bei oder nach der Geburt im KZ starben oder ermordet wurden. Seine schwangere Mutter und ihr Mann wurden während des Warschauer Aufstandes verhaftet. Der Vater kam später auch in das KZ Natzweiler-Struthof, wo er am 4. Januar 1945 starb. Bogdan Chrzeciaski wurde am 27. Januar zusammen mit seiner Mutter in Auschwitz befreit.

Ignacy Golik (94) aus Warschau wurde 1941 zusammen mit seinem Bruder und dessen Frau nach Auschwitz deportiert, wo er drei Jahre durchleiden musste. Warum er verhaftet wurde, weiß er bis heute nicht. 1944 überlebte er den „Todesmarsch“. Golik war nach dem Krieg der erste Zeuge aus dem damaligen Ostblock, der beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt vor Staatsanwalt Fritz Bauer aussagte.

Henriette Kretz (81) aus Antwerpen wurde in Ost-Polen, der heutigen Ukraine, als Kind einer jüdischen Rechtsanwaltsfamilie geboren. Sie kam mit ihren Eltern ins Ghetto von Sambor. Später versteckte sich die Familie, wurde aber verraten. Henriette musste als Neunjährige mit ansehen, wie ihre Eltern erschossen wurden. Aus ihrer Feder stammt das Buch „Willst Du meine Mutter sein? Eine Kindheit im Schatten der Schoah“.

Zdzis?awa W?odarczyk (81) aus Chrzanów wurde auch während des Warschauer Aufstandes mit der Familie nach Auschwitz deportiert. Sie und ihr Bruder wurden der Mutter entrissen und mussten in der Kinderbaracke bleiben. Die Mutter wurde auf den Todesmarsch getrieben, kehrte nach der Befreiung aber gesundheitlich sehr angeschlagen zurück. Der Vater starb im KZ Flossenbürg.

Jacek Zieliniewicz (90) aus Bydgoszcz kam als 17-Jähriger 1943 nach Auschwitz-Birkenau. Den Grund seiner Verhaftung kennt er bis heute nicht. Er wurde 1944 ins KZ Dautmergen bei Rottweil im heutigen Baden-Württemberg deportiert, wo er fast verhungert wäre. Als die Front näher rückte, ging es auf den Todesmarsch. Am 23. April 1945 befreiten französische Truppen Zieliniewicz nahe Tuttlingen.

Unentwegter Mahner für Versöhnung

Nachdem er jahrzehntelang keine Deutschen mehr sehen konnte, ist Zieliniewicz seit 20 Jahren immer wieder zu Zeitzeugen-Gesprächen in deutschen Schulen. Er betont, wie wichtig die Begriffe Friede, Freiheit und Freundschaft für das Zusammenleben der Menschen wie der Völker ist. Unentwegt mahnt er zu Versöhnung und Verständigung: „Ich habe keinen Hass mehr – das ist mein Sieg.“