Banal, irritierend, brutal

Odenwälder Echo

Michelstadt 11.10.2016

Von Michel Lang

HITLERS TISCHGESPRÄCHE Theaterstück bereichert Feier von „Odenwald gegen Rechts“

MICHELSTADT - „Hitlers Tischgespräche“ brachte der Historiker und Kabarettist Andreas Breiing auf die Bühne des Patat-Kellers in Michelstadt. Das dokumentarische Theaterstück war Höhepunkt der Feier zum zehnjährigen Bestehen von „Odenwald gegen Rechts“.

Fettig glänzt das streng nach links gelegte braune Haar, unter der Nase sticht der struppige Schnurrbart ins Auge, und am Revers des Nadelstreifenanzugs prangt das Parteiabzeichen der NSDAP. Mit ernster Miene und stechendem Blick betritt Adolf Hitler die Bühne im Patat-Kleinkunstkeller. Langsam schreitet er, die Hände zitternd hinter dem Rücken verborgen, in die Mitte des Raumes. Da schnürt es einem die Kehle zu. Keiner lacht. Dies ist kein Klamauk.

AUSZEICHNUNGEN

Das Bündnis „Odenwald gegen Rechts“ hat sich am 4. Oktober 2006 gebildet. Die Initiative engagierter Bürger wurde ausgezeichnet 2009 im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“, ausgelobt vom Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT). 2012 folgte die Auszeichnung für „soziales Bürgerengagement“, vergeben vom hessischen Ministerium für Soziales und Integration.

Die Veranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Bündnisses wurde gefördert über das Landesprogramm „Hessen aktiv – für Demokratie und gegen Extremismus“. (mil)

Breiing zieht Gäste in seinen Bann

Jenseits aller Persiflagen auf den Diktator der Deutschen – ob von Helge Schneider ins Lächerliche gezogen, von Charlie Chaplin als Witzfigur dargestellt oder von Timur Vermes im Buch „Er ist wieder da“ warnend verspottet – bietet Andreas Breiing ein dokumentarisches Schauspiel, das die Zuschauer fast eine Stunde lang in den Bann dieses Führers zieht.  

 

 

 

 

 

 

 

 

„Hitlers Tischgespräche“ brachte der Historiker und Kabarettist Andreas Breiing auf die Bühne des Patat-Kellers in Michelstadt. Das dokumentarische Theaterstück war Höhepunkt der Feier zum zehnjährigen Bestehen des Bündnisses „Odenwald gegen Rechts“

Zum zehnjährigen Bestehen der Initiative „Odenwald gegen Rechts – bunt statt braun“ hat der gelernte Historiker und Kabarettist des Duos „Die Buschtrommel“ aus Münster in Westfalen die Figur im originalen Wortlaut wiedergegeben. Und zwar mittels der von den Stenografen des Leiters der Reichskanzlei, Martin Bormann, mitgeschriebenen Tischgespräche. Diese sind prinzipiell reine Monologe, bei denen Köchinnen, Sekretärinnen und Putzhilfen von Hitler verpflichtet wurden, ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten. Abgesehen von der Streichung fäkalsprachlicher Ausdrücke und grammatikalisch sinnloser Halbsätze haben die Editoren seinerzeit nichts verändert. Denn Bormann wollte Hitlers Worte als eventuell einzusetzende Zeugnisse bei möglichen Auseinandersetzungen nutzen.

Dramaturgisch in Szene gesetzt, begann Breiing mit den Schilderungen Adolfs über seine Liebe zu Bohnensuppe, Fachinger Wasser und Weißweincremepudding. Nebensächlichkeiten, die ein Schmunzeln provozierten. Und dies bewusst. Dann lässt sich der Fleischverächter über seine biologisch gedüngte Obstplantage auf dem Berghof aus und bemerkt: „Meine Schäferhündin Blondi ist in gewisser Hinsicht auch Vegetarier, sie frisst bestimmte Grasbüschel geradezu mit Behagen!“ Der Weltzerstörer übt sich im Witz. Schließlich hüpft er in widersinniger Sprunghaftigkeit von Thema zu Thema, kurz angerissen, nie vertieft, stets einfach, naiv und als Happen zu schnappen. „Wie dies die neuen Rechten auch tun“, bemerkte nach der Vorstellung ein Gast.

Dann wieder Heischen nach Beifall: „Staatsdiener dürfen sich nicht für private Interessen einspannen lassen!“ Ein Zuschauer bekundet sanfte Sympathie, das ist gewollt. „Im Osten sind 25 Prozent der Mädels unberührt. In Oberbayern ist dies nicht der Fall!“ Es wird dezent gelacht. Kein Dämon, ein Kretin. „Völker brauchen den Blutverlust zur Regeneration!“

Am Ende sitzt da ein geschocktes Publikum

„Dass die Masse sich unterordnet, liegt daran, dass sie feminin veranlagt ist!“ Über unglückliche Ehen: „Besser, man nimmt sich eine Geliebte!“ Zum Schluss die Erkenntnis: „Die deutsche Nation wird auch mich überstehen!“

Mit seiner Auswahl lenkte der Darsteller, spielte mit ansatzweisem Charme im Wechsel mit vernichtender Brutalität. Am Ende saß da ein geschocktes Publikum. So hatte es den Diktator noch nicht erlebt.